Frau Dr. Humke, warum gibt es diese Kampagnen?
Dr. Clara Humke: Aus verschiedenen Gründen vermeiden Männer Vorsorgeuntersuchungen und Gespräche über ihre Gesundheit, obwohl frühzeitige Diagnosen oft lebensrettend sind. Weltweit gehen etwa 30 bis 40 Prozent der Männer seltener oder gar nicht zur Vorsorge. Ziel von Movember ist, dies zu ändern und mit Spenden das Bewusstsein und die Forschung für Männergesundheit zu erhöhen sowie zum Reden und Handeln zu motivieren.
Frau Professorin Solbach, welche Konsequenzen hat eine frühe Erkennung einer Krankheit beziehungsweise eine nicht erkannte Krankheit?
Professorin Dr. Christine Solbach: Durch eine frühe Diagnose von Brustkrebs kann der Krankheitsverlauf günstiger und die Prognose, das heißt die Heilungschancen, verbessert werden. Die gesamte Behandlung ist in vielen Fällen weniger komplex. Häufig ist eine brusterhaltende Operation möglich und es sind seltener Lymphknoten betroffen. Wenn gleichzeitig eine günstige Tumorbiologie vorliegt, wie bei einem hormonabhängigen Brustkrebs, kann meistens auf eine Chemotherapie verzichtet werden. Das Mammographiescreening ist ein gutes Beispiel für die Wirksamkeit einer Früherkennungsuntersuchung. Nach Daten aus Deutschland konnte die Sterblichkeit an Brustkrebs durch eine Teilnahme am Mammographiescreening um 26 Prozent verringert werden.
Pinktober
Der Oktober ist international der Brustkrebsmonat, es wird weltweit auf die Früherkennung, Prävention und die Unterstützung von Erkrankten aufmerksam gemacht. Das Bewusstsein für die Erkrankung Brustkrebs soll geschärft werden. Die Farbe Pink symbolisiert die Solidarität und das Engagement gegen Brustkrebs.
Movember
Movember ist eine jährlich stattfindende Kampagne für Männergesundheit, die weltweit im November durchgeführt wird. Der Begriff setzt sich aus den Wörtern Moustache und November zusammen, als Symbol wird der Schnurrbart verwendet. Daher lassen sich Männer den ganzen Monat einen Schnurrbart wachsen, um auf die Bedeutung der Vorsorgeuntersuchungen für Prostatakrebs, Hodenkrebs und psychische Gesundheit hinzuweisen.
Ab welchem Zeitraum ist eine unerkannte Krankheit problematisch?
Humke: Die Früherkennung von Prostata- und Hodenkrebs, aber auch von psychischen Erkrankungen, hat große Vorteile. Je früher eine Erkrankung festgestellt wird, desto besser sind in der Regel die Behandlungsmöglichkeiten. Die Therapie ist oft schonender, kürzer und hat bessere Chancen auf Heilung. Eine frühe Diagnose ermöglicht es, rechtzeitig gegenzusteuern und somit körperliche Einschränkungen oder psychische Belastungen zu vermeiden. Wird eine Krebsdiagnose erst erkannt, wenn Symptome auftreten, kann dies ein Hinweis für ein fortgeschrittenes Stadium sein und somit möglicherweise nicht mehr in heilender Absicht behandelt werden.
Sind auch junge Erwachsene gefährdet?
Solbach: Es können auch junge Erwachsene an Brustkrebs erkranken. Knapp sieben Prozent aller Frauen, die an Brustkrebs erkranken, sind jünger als 40 Jahre. Bei jungen Frauen sollte vor allem geschaut werden, ob eine familiäre Belastung für Brust- oder Eierstockkrebs vorliegt und es sollte eine genetische Veränderung als Ursache für die Erkrankung untersucht werden.
Wie genau geht eine Vorsorge vonstatten und ist sie unangenehm?
Humke: Männern ab dem 45. Lebensjahr mit einer mutmaßlichen Lebenserwartung von zehn Jahren und mehr wird eine jährliche Früherkennungsuntersuchung der Prostata empfohlen. Jetzt können Männer erstmal durchatmen und entspannen, denn in der aktualisierten Leitlinie für Prostatakrebs [Frühjahr 2025; Anm. d. Red.] wird eine digital-rektale Untersuchung der Prostata, eine Tastuntersuchung über den Enddarm, für die Früherkennung nicht mehr empfohlen. Stattdessen soll der PSA-Wert im Blut bestimmt werden und je nach Höhe des PSA-Wertes erfolgt eine risikoangepasste Früherkennungsstrategie. In manchen Fällen kann nichtsdestotrotz eine digital-rektale Untersuchung der Prostata sinnvoll sein. Bei Männern mit familiärer Vorbelastung sollte die Untersuchung ab dem 40. Lebensjahr erfolgen.
Wie sieht das bei der Brustkrebsvorsorge aus?
Solbach: Die gesetzlichen Krankenversicherungen bieten altersabhängige Früherkennungsuntersuchungen an. Dazu zählen ab dem 30 Lebensjahr das jährliche Abtasten der Brust inklusive der Achsellymphknoten durch Gynäkologen. Vom 50. bis 75. Lebensjahr wird Frauen die Teilnahme am Mammographiescreening empfohlen. Das ist eine Röntgenuntersuchung der Brust, wobei die Brust zum Zweck der überlagerungsfreien Beurteilung zusammengepresst wird und pro Brustseite, zwei Aufnahmen angefertigt werden. Die Untersuchung sollte alle zwei Jahre erfolgen. Eine Mammographie kann unangenehm sein, dauert allerdings nur wenige Sekunden und wird von den meistens Frauen nach entsprechender Aufklärung gut toleriert.
Gibt es Vorurteile? Sind Ängste vor Untersuchungen berechtigt?
Humke: Viele Männer haben zunächst Angst oder Hemmungen vor der digital-rektalen Untersuchung DRU oder der Untersuchung von Hoden und Penis beim Urologen oder der Urologin. Das ist völlig verständlich, aber nicht nötig. Erstens ist die DRU nicht mehr in der regulären Früherkennung empfohlen. Ist diese Untersuchung dennoch notwendig, ist sie in der Regel nicht schmerzhaft und wird sehr vorsichtig und respektvoll durchgeführt. Zweitens gehört die Untersuchung der Genitalregion selbstverständlich zum Beruf und alltäglichen Aufgabe eines Urologen und einer Urologin, sodass diese für den Mann nicht peinlich sein sollte.
Wie hilft es, wenn Eintracht Frankfurt diese Themen unterstützt? Welche Rolle nehmen beim Thema Aufklärung Spitzensportler ein, um möglichst öffentlichkeitswirksam für dieses Thema zu sensibilisieren?
Solbach: Spitzensportler besitzen neben einer enormen Reichweite auch häufig eine große Einflusskraft und Vorbildfunktion. Dabei kann es unter anderem um sportliche Aktivität, gesunde Ernährung und ein normales Körpergewicht gehen – alles Lifestylefaktoren, die Einfluss auf viele Krebserkrankungen haben. Sportereignisse sorgen für eine breite Aufmerksamkeit, die für Aufklärungskampagnen oder Spendenaktionen genutzt werden können.
Humke: Fußballvereine erreichen viele Menschen – Fans jeden Alters, Familien, Männer und Frauen. Wenn also Spieler oder Verantwortliche offen über Früherkennung und Vorsorge sprechen, senkt das die Hemmschwellen und baut Vorurteile ab. Wenn also ein Profifußballer sagt: „Ich gehe regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung – das ist wichtig für meine Gesundheit“, wirkt das glaubwürdig und motiviert andere, es ebenfalls zu tun. Das Thema, über das viele sonst ungern sprechen – wie zum Beispiel Prostata- oder Hodenkrebs, psychische Gesundheit – wird dadurch normalisiert und enttabuisiert.

