26.01.2020

Aberkennung der Ehrenpräsidentenwürde für Rudolf Gramlich

In der heutigen Jahreshauptversammlung wurde der Mitgliedschaft berichtet, dass das Präsidium im Einvernehmen mit dem Ehrenrat beschlossen hat, die Ehrenpräsidentschaft von Rudolf Gramlich posthum abzuerkennen.

In der heutigen Jahreshauptversammlung von Eintracht Frankfurt wurde der Mitgliedschaft berichtet, dass das Präsidium im Einvernehmen mit dem Ehrenrat beschlossen hat, die Ehrenpräsidentschaft von Rudolf Gramlich posthum abzuerkennen. Rudolf Gramlich, von 1938 bis 1942 und von 1955 bis 1970 Präsident des Vereins, war nach seinem Ausscheiden aus dem Amt 1970 zum Ehrenpräsidenten ernannt worden. Mit der posthumen Aberkennung dieses Titels reagierte der Verein jetzt auf Gramlichs Rolle im Nationalsozialismus.Grundlage für die Entscheidung ist eine unabhängige Studie zu den Präsidenten der Eintracht im Nationalsozialismus, die das Fritz Bauer Institut 2019 durchgeführt hat. In dieser Studie wurden die Anschuldigungen, die in der Vergangenheit gegen die Person Rudolf Gramlich erhoben wurden, bestätigt.  Gramlich, der als Deutscher Nationalspieler 1932 mit der Eintracht im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft stand, wurde 1937 Mitglied bei der SS und 1940 Mitglied der NSDAP. 1938 übernahm er mit seinem Geschäftspartner die Geschäftsräume der „Jakob Schönhof – Ledergroßwarenhandlung“, deren bisheriger Inhaber der jüdische Lederkaufmann Herbert Kastellan war. Dabei erfolgte keine Vergütung des Firmenwerts, eine Zahlung wurde lediglich für Inventar und Warenlager geleistet. Kastellan wurde später nach Litzmannstadt deportiert und ermordet. Nach Kriegsende einigten sich die Inhaber der Firma Fabian & Gramlich mit den Überlebenden Töchtern Kastellans im Rückerstattungsverfahren auf eine Nachzahlung des „angemessenen Kaufpreises“ für die Bestände des Lagers, der etwa das Doppelte des 1938 bezahlten Preises betrug. Von November 1939 bis September 1940 gehörte Gramlich als Mitglied der 9. Kompanie des III. Bataillons der 8. SS-Totenkopfstandarte an, die Einheit wurde in Krakau aufgestellt. Die Forschung des Fritz Bauer Instituts hat keine Hinweise auf die Teilnahme an Gewaltverbrechen hervorgebracht. Gleichwohl betont die Studie, dass „die Hinweise auf eine Beteiligung Gramlichs an „Bandeneinsätzen“ und die heutigen Erkenntnisse über den Charakter seiner Einheit den Verdacht der Einbindung in die mörderische NS-Politik eher erhärten, als dass er sich entkräften ließ.“ Im Entnazifizierungsverfahren nach Kriegsende wurde Rudolf Gramlich als „Minderbelasteter“ eingeordnet. 1955 wurde er Präsident des Vereins, unter seiner Regie wurde die Eintracht 1959 Deutscher Meister und erreichte 1960 das Europapokalfinale. Als Rudi Gramlich 1970 nicht mehr für das Präsidentenamt kandidierte, wurde er von der Eintracht zum Ehrenpräsidenten ernannt. Ohne die Verdienste von Rudi Gramlich für den Verein schmälern zu wollen, sind die Verantwortlichen der Eintracht der Meinung, dass die Fakten, die bei der Ernennung zum Ehrenpräsidenten, dem damaligen Zeitgeist folgend, keine Rolle gespielt haben, heute anders bewertet werden müssen. In seiner Studie kam das Fritz Bauer Institut zu der Erkenntnis, dass sich Rudolf Gramlich „in verschiedener Hinsicht grundsätzlich in das NS-System integrierte, von ihm profitierte und an seinen Herrschaftspraktiken partizipierte.“ Eintracht Frankfurt vertritt die Ansicht, dass ein Ehrenpräsident auch moralisch und ethisch ein Vorbild sein muss für die Gesellschaft, für die Mitglieder und die Jugend. Die Ergebnisse der Studie des Fritz Bauer Instituts zum Wirken der Vereinsfunktionäre während des Nationalsozialismus werden 2020 veröffentlicht.
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